News
Aktuelles
Informieren Sie sich über unsere Einsätze.
Einsatz Mua Mission Hospital Okt/Nov 2025
Die Quecksilberanzeige des Thermometers tut ihr bestes die 40-Grad- Markierung zu küssen. Alles schwitzt und alles „klebt“. Im Op ist es fast angenehm bei etwa 29 grad. Leider wird ständig vergessen, dass die Op-Tür geschlossen bleiben muss, damit die einfache Klimaanlage, die eh schon Überstunden macht, nicht vergebens versucht Malawi abzukühlen und dabei schlapp macht.
Schon mal versucht erholsam in einer Sauna zu schlafen? Willkommen nach Mua. Wir haben es gerade hinter uns. Zwei Wochen Dauersauna ist schon sportlich. Zehn Grad und Nieselregen in Deutschland wirken momentan richtig attraktiv.
In Malawi ist ungewöhnlich heiß für die Jahreszeit. Pflanzen, Mensch und Tier warten sehnsüchtig auf die Regenzeit und auf niedrigere Temperaturen.
Wir sind mit einem Interplast-Team nun zum fünften Mal in Mua, Dezda Region, im Süden von Malawi zu Gast. Das kleine Missionskrankenhaus ist eines der wenigen Krankenhäuser in der Region und ein wichtiger Anlaufpunkt für erkrankte und verletzte Menschen, wenn sie es sich leisten können…
Es dreht sich nach wie vor immer ums Geld. Eine Konsultation kostet 2.500 Kwascha, etwa 1 Euro, eine stationäre Aufnahme 3.000 Kwascha zuzüglich Kosten für Behandlung und/oder Operation. Nicht zu vergessen die sehr hohen Transportkosten die noch hinzukommen. Kosten, die die allermeisten Menschen in dieser Region zu Beginn der Regensaison nur schwer aufbringen können. Das durchschnittliche pro Kopf Einkommen in Malawi beträgt etwa 42 € / Monat. Die Menschen, die zu uns kommen, haben teilweise gar kein Einkommen. Wegen Geldmangel kommen viele mit verschleppten Erkrankungen oder alte Verletzungen. Hier helfen wir, so gut es geht.
Die Sichtung der Patienten war, wie immer, spannend. Wir bekamen nicht nur die „klassischen“ plastisch chirurgischen Fälle zu Gesicht, sondern wurden auch gefragt ob wir Blumenkohl-große Hämorrhoiden, ausgeprägte Hydrozelen und beeindruckende Leistenhernien, wo es sich der Dickdarm im Hodensack bequem gemacht hatte, entfernen könnten. Wir mussten es leider verneinen. Auch für das Entfernen von bösen Flüchen war unsere Kompetenz nicht ausreichend.
Mit anderen Worten: leider konnten wir nicht allen helfen, die zum Teil sehr lange Wege auf sich genommen haben um von uns Hilfe zu bekommen. Es ist immer wieder herzzerreißend hilfesuchende Menschen voller Hoffnung enttäuschen zu müssen.
Wir haben uns auf unsere Kernkompetenz konzentriert: Verbrennungskontrakturen, Haut-und Weichteiltumore, handchirurgische und gesichtschirurgische Eingriffe.
Wir haben letztendlich etwa 120 Personen gesichtet und konnten 79 Patientinnen und Patienten operieren.
Die kleinen Verbrennungspatienten liegen uns besonders am Herzen. Wir operierten dieses Mal 10 Kinder mit schwersten Narben-Kontrakturen an den Händen, den Schultern oder den Kniegelenken nach Verbrühungen oder Verbrennungen. Eines der Kinder war 20 Monate alt und hatte vor einem knappen Jahr mit beiden Händen nach glühenden Kohlestückchen gegriffen. Das endete nicht gut. Eine Behandlung nach der Verbrennung war wegen Geldmangels nicht erfolgt, was dazu führte, dass die Langfinger in der Handfläche fest vernarbt waren. Greifen? Unmöglich.
Es gelang uns die Langfinger an beiden Händen aus der Handfläche zu lösen sowie den entstandenen Hautdefekt mit Vollhaut vom Bauch zu decken. Als der Kleine beim Verbandswechsel im Narkoserausch seine Finger bewegte und schließlich einen „Stinkefinger“ zeigte, war klar, dass die Operation erfolgreich verlaufen war.
Ein neunjähriges Mädchen in Begleitung ihres Großvaters kam bereits zum zweiten Mal zu uns. Ausgeprägte Verbrennungsnarben an der kindlichen Hand zu behandeln ist keine einmalige Sache, da das Narbengewebe nicht mitwächst. Es sind meist viele Eingriffe über mehrere Jahre hinweg nötig. Umso wichtiger, dass ein Team zuverlässig regelmäßig kommt.
Wir konnten bei insgesamt 79 Patientinnen und Patienten 83 Eingriffe durchführen. Davon waren 44 in Allgemeinnarkose und 35 in örtlicher Betäubung. Dazu muss erwähnt werden, dass unser Anästhesieteam großartiges geleistet hat. Unter schwierigen Umständen sicher und zügig Kleinkinder-Narkosen durchzuführen ist was für Profis. Kinder bekommen in Mua von dem dortigen Narkotiseur keine Vollnarkose und die Expertise was Verbrennungsverletzungen fehlt noch.
Wir haben 10 kleine Kinder mit Verbrennungskontrakturen operiert, wobei zwei Kinder mit Kontrakturen im Schulterbereich mit einem sogenannten Latissimus-Lappen vom Rücken versorgt wurden. An 21 Patienten wurden die Hände operiert. Weitere Patienten bekamen ihre bis zu 20x30 cm großen Weichteiltumore entfernt. Bei 4 Kindern wurden eine oder zwei extra Zehen oder überzählige sechste Finger operativ entfernt.
Spannend wird es immer wieder, weil wir uns nicht wirklich auf irgendetwas verlassen können. Zugesagte Assistenz bei einer Op? Kann klappen, muss aber nicht. Sterilisieren der Instrumente? Ja, aber nicht gerade jetzt-ich muss essen. Außerdem leckt der Autoklav... Kann bitte der Übersetzer kommen? Unauffindbar.
Sehr positiv fielen zwei Schwestern und zwei clinical officers auf, die interessiert und wissbegierig assistieren und mithalfen.
Spannend wurde es dieses Jahr mit dem Transport zu den 3,5 h entfernten Flughafen. Wegen der Unruhen in Tansania kommt nur wenig Treibstoff nach Malawi und die meisten Tankstellen sind leer. Der Schwarzmarkt blüht. Es hat sich ein völlig neuer illegaler Geschäftszweig entwickelt, der ausgesprochen lukrativ ist. Nachdem ich im Frühjahr schon Sevofluran (Narkosegas) mit der Hilfe einer Nonne auf dem Schwarzmarkt beschafft hatte, musste ich jetzt in den Treibstoffschwarzmarkt eintauchen und Benzin für die Autos beschaffen. Leider ohne Nonne. Es ist uns letztendlich gelungen was aufzutreiben, aber zum Preis von 5 Euro pro Liter!!!! Noch Fragen? Ich musste es akzeptieren, aber es bedeutete nicht dass ich es gut fand. Vielleicht hätte ich doch auf die Nonne zurückgreifen sollen? Immer hin sind wir zum Flughafen gekommen. Alles gut. Ich bin gespannt, welchen Schwarzmarkt wir nächstes Jahr erkunden können.
Mua gehört zu den ärmeren Gebieten von Malawi. Unsere Arbeit mag für diese Region nur ein Teelöffel im Ozean sein, aber für jeden Einzelnen den wir operieren können, ist es das ganze Meer.
Die Möglichkeit in Mua zu arbeiten, verdanken wir auch Interplast-Germany mit Dr. André Borsche und Camilla Völpel, und allen die an Interplast oder den Verein Malawi Medical Aid e.V. gespendet haben. Dank auch an Frau Schubert und Frau Lehman, Klindwort Apotheke in Bad Schwartau, die unermüdlich Material für unsere Einsätze sammeln sowie ArtClinic in Göteborg, Schweden, die auch Material gespendet hat. Ebenfalls Dank an Alfred Klindwort, der unsere Patienten mit wichtigen orthopädischen Hilfsmitteln versorgt. Ein ganz besonderer Dank an unseren Familien und Freunde, die uns in unserer Arbeit unterstützen und begleiten. Ohne diese Unterstützung könnten wir nicht ein bisschen Licht zu denen bringen, die sich im Schatten befinden. Danke!!! Zusammen haben wir die Welt ein kleines bisschen lebenswerter gestaltet.
Dr. Gie Vandehult, Teamleiterin
Team Herbst 20025:
Dr. Gie Vandehult
Dr. Monica Zimmert
Dr. Daniel Tilkorn
Christiane Mallée
Jane Lienau
Cäcilie Jansson
Einsatz Mua Mission Hospital Sept/Okt 2024
„Nein, ich werde Ihren Finger NICHT amputieren !!!“
Der Mann schaut mich völlig verwundert an. Seine Augen wandern von seinem kleinen Finger zu mir, erneut zu seinem kleinen Finger und dann zurück zu mir: „Aber alle haben gesagt, dass er amputiert werden muss!!!“.Der etwa 45-jährige Mann hat eine fast golfballgroße Schwellung an seinem rechten kleinen Finger, die es sich seit über 10 Jahren dort gemütlich gemacht hat - ein Tumor. Der Knochen ist intakt, der Tumor ist glatt abgegrenzt. Mein kleines Ultraschallgerät verrät mir, dass es sich wahrscheinlich um ein Lipom, einen gutartigen Fettgewebstumor, handelt. Natürlich ist es am einfachsten den Finger mitsamt ungebetenem Gast abzuschneiden, statt in Kleinstarbeit die Schwellung zu entfernen, aber zehn Finger zu haben ist nun einmal deutlich schöner als nur neun.
Moin Mua!!! Wir sind wieder da!!! Diese Reise sollte etwas anders werden als unsere vorherigen Besuche. Das war jetzt das dritte Mal, dass wir Mua im südlichen Malawi, Ost-Afrika, besucht haben um im Mua Mission Hospital zu arbeiten.
Wir sind zu dritt vorweg geflogen, um in Lilongwe, der Hauptstadt Malawis, zu eruieren, ob es eine Möglichkeit gibt, vor Ort plastisch-rekonstruktive Chirurgie zu unterrichten. Es gibt in ganz Malawi drei plastische Chirurgen. Eine sehr nette Kollegin in Lilongwe und zwei weitere, die wir noch nicht kennen gelernt haben, in Blantyre. Diese drei Kollegen versorgen theoretisch die 21 Millionen Menschen, die in Malawi leben. Es wurde relativ schnell klar, dass der Bedarf an Unterricht groß und der Wille, etwas zu lernen, grenzenlos ist und es viel zu tun gibt. Über das Unterrichtsprojekt wird später berichtet. Nur eins sei erwähnt: Die bürokratischen Hürden sind immens. Mal sehen, wer den längeren Atem hat.
Nach unserem Hürdenlauf bei verschiedenen Ministerien, Hochschulen, Botschaften und Krankenhäusern kamen die anderen Teammitglieder in Lilongwe an und wir machten uns zusammen auf den Weg nach Mua. Nach drei Stunden Holperweg waren wir endlich am Ziel angekommen. Und nicht nur wir. Es warteten viele, viele Patienten auf uns. Wir konnten am ersten Tag über 120 Patienten sichten und setzten 70 auf den Op-Plan, wohl wissend, dass noch ein paar dazukommen würden. Patienten, die später ankamen, mussten auf die Warteliste für nächstes Jahr im März gesetzt werden.
Wir hatten uns vorgenommen, dieses Mal einen „Lipom-Workshop“ abzuhalten und unterrichteten vier junge Mitarbeiter in der Kunst, ein Lipom auszuschneiden, und anschließend die Wunde ordentlich zusammenzunähen. Keiner der jungen Kollegen hatten jemals eine fortlaufende Naht gemacht, geschweige denn ein Lipom entfernt. Die Fortschritte zu beobachten war fantastisch. Es schlummert so unendlich viel Talent hier. Die Clinical und Medical Officers wollen so gerne lernen und es gibt so wenig Kapazitäten.
Das Thema „Lipom“ zog sich wie ein roter Faden durch den gesamten Einsatz. Ich habe noch nie so viele grotesk große Lipome an unterschiedlichen Körperstellen entfernt. Keines der Lipome, die wir in Vollnarkose entfernten, war kleiner als 15 cm im Durchmesser. Besonders in Erinnerung bleibt eine knapp 60-jährige Frau, bei der wir dachten, sie hätte eine massiv ausgeprägte Kyphose. Ich sah sie und dachte: „Nix für uns, das ist orthopädisch“. Dann zog sie ihr Hemd aus und wir konnten einen „Rucksack“ bestaunen. Ein Weichteiltumor von der Größe 35 x 25 cm. Vom Ultraschall her am ehesten ein Lipom. Mein geliebtes mobiles Ultraschallgerät hatte Recht. Es war ein 2,8 kg schweres, gekammertes Lipom. Die Patientin selbst wog vor der Op 43 kg... Nach der Op dankte die Patientin dem lieben Gott, dass ihre Gebete erhört worden sind und der Tumor weg ist. Ich dankte ihm, dass sie alles gut überstanden hatte und ihm nicht persönlich begegnet ist.
In den knapp zwei Wochen in Mua operierten wir 80 Patienten, davon 50 in Vollnarkose. Das jüngste Kind war 15 Monate alt (Lippenspalte) und der Älteste 82 Jahre (benigner Mammatumor). Der Kleine hatte nach der Op nichts gesagt, uns nur mit großen Augen angeschaut, der ältere Herr freute sich riesig und meinte, er würde jetzt viel jünger aussehen.
Außerdem wurden viele Hexadaktylien, Narbenkontrakturen nach Verbrennungen und Ganglien operiert. Die Nachbehandlung wird von unserem „Superstar“, dem ungewöhnlich kompetenten und netten Krankenpfleger Geoffry und seiner Kollegin, Dr. Chisomo, übernommen, mit denen wir das ganze Jahr über regelmäßig in Kontakt stehen. Es klappt wirklich gut und ist mit einer der Gründe, warum wir das Projekt Mua weiter vorantreiben sollten.
Und zu guter letzt: Ich habe den Finger NICHT amputiert. Es war ein Lipom. Der Mann war überglücklich und winkte lächelnd zum Abschied mit allen zehn Fingern.
An dieser Stelle noch ein großes Dankeschön an Interplast-Germany, Bad Kreuznach, und hier insbesondere Andree Borsche und Camilla Völple, ohne deren Unterstützung dieser Einsatz nicht möglich gewesen wäre. Danke auch an der Klindwort-Apotheke in Bad Schwartau (vor allem Frau Schubert). Großen Dank auch an unseren Familien und Freunde, die uns nach Afrika ziehen lassen und natürlich an alle Spender, die mit ihrer Spende das Leben vieler Menschen einfacher und lebenswerter gemacht haben. Unsere Arbeit ist vielleicht nur ein Teelöffel im Ozean, aber für den Einzelnen ist es das ganze Meer.
Für das Team: Dr. Gie Vandehult
Team: Cäcilie Jansson, Jane Lienau, Christiane Mallee, Dr. Gie Vandehult, Dr. Monica Zimmert